07.10.2026

Beschäftigung & Arbeitsmarkt

„Die Industrie befindet sich im Krisenmodus“

Die Metall-Tarifrunde beginnt: Was sagen die Tarifparteien im Ostalbkreis? Heute spricht Markus Kilian von Südwestmetall über die Schwierigkeiten der Metall- und Elektrobranche, hohe Arbeitskosten und die Folgen von Streiks.

Aalen

Am 7. Oktober beginnen die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württembergs. Im Ostalbkreis trifft die Runde auf eine sehr unterschiedliche Lage: Manche Betriebe bauen Stellen ab, andere sind gut ausgelastet.

Wir haben mit beiden Tarifparteien gesprochen.

Heute:
Markus Kilian, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Ostwürttemberg.
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Herr Kilian, im Oktober beginnen die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie. Welche Rolle spielen diese für die Unternehmen im Ostalbkreis?

Markus Kilian: Die Tarifrunde ist für unsere Mitgliedsunternehmen in Ostwürttemberg von großer Bedeutung ebenso wie für viele Betriebe, die sich an unseren Tarifvertrag anlehnen. Wir befinden uns in einer historisch einmaligen Krisensituation. Energiekosten, Zölle, Bürokratiekosten, aber eben auch die Arbeitskosten setzen die Unternehmen extrem unter Druck. In dieser Tarifrunde ist das Thema Kostenentlastung für die Arbeitgeber deshalb von zentraler Bedeutung.
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Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation der Betriebe hier ein?

Die Metall- und Elektroindustrie befindet sich im Krisenmodus, es droht das dritte Rezessionsjahr in Folge. Bereits im vergangenen Jahr schrieb knapp die Hälfte der baden-württembergischen Unternehmen Verluste oder erzielte lediglich eine sehr niedrige Nettoumsatzrendite von höchstens zwei Prozent. Die Folgen sind sichtbar: Insolvenzen, Kurzarbeit und ein erheblicher Stellenabbau. Viele Unternehmen reagieren damit auf gesunkene Produktionsbedarfe und den zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck. Zwar gibt es weiterhin erfolgreiche Unternehmen und einzelne Leuchttürme. Sie können die negativen Entwicklungen in weiten Teilen der Branche jedoch nicht ausgleichen.
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Gibt es Beispiele, an denen sich die unterschiedliche wirtschaftliche Lage einzelner Branchen und Unternehmen auf der Ostalb derzeit besonders greifbar zeigt?

Positive Beispiele sind sicher die Branchen Halbleitertechnologie auch dort wachsen die Bäume aber nicht in den Himmel – und Verteidigung. Der Verteidigungssektor profitiert dabei von den deutlich gestiegenen staatlichen Ausgaben. Ganz anders stellt sich die Lage im Automotive-Bereich dar. Bereits getätigte hohe Investitionen in die Elektromobilität schlagen sich angesichts der insgesamt noch schwachen Nachfrage und niedriger Stückzahlen bislang kaum in Umsatz und Ertrag nieder. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller, die teilweise von erheblichen staatlichen Subventionen profitieren.
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Wie lässt sich dieser Unterschied in Tarifverhandlungen abbilden?

Das Spannungsfeld zwischen Branchen, die besser, und solchen, die schlechter laufen, gibt es grundsätzlich immer. Besonders kritisch ist in diesem Jahr die Lage der baden-württembergischen Schlüsselindustrien. Automobilhersteller, Zulieferer und Maschinenbauergeraten von zwei Seiten unter Druck: hohe Kosten für Rohstoffe, Energie und Bürokratie auf der einen, sinkende Stückzahlen und schwache Produktivität auf der anderen Seite. Insofern sollte sich ein Abschluss daran orientieren, den Standort nicht noch weiter in die Enge zu treiben und den Jobabbau nicht noch zu verschärfen. Am 31. Oktober endet die Friedenspflicht, danach sind Warnstreiks möglich.
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Wann wurde zuletzt in Betrieben der Region gestreikt, was waren die Auswirkungen auf die Betriebe?

Die letzten Streiks fanden im Rahmen der Tarifrunde 2024 statt. Für die betroffenen Betriebe ist jeder Arbeitskampf eine erhebliche Belastung. Streiks können Vertragsstrafen wegen Lieferverzugs auslösen, die Wettbewerbsposition gegenüber anderen, insbesondere internationalen, Anbietern schwächen und einen hohen organisatorischen Aufwand verursachen, um die Folgen abzumildern. Umsätze verschieben sich nach hinten – oder fallen ganz aus, wenn Kunden kurzfristig auf andere Bezugsquellen ausweichen.
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Welche Entwicklungen der vergangenen zwölf Monate prägen die Lage der Unternehmen im Ostalbkreis am stärksten, und was unterscheidet diese Tarifrunde von früheren?

Das vom Ifo-Institut erhobene M+E-Geschäftsklima – der zentrale Stimmungsindikator unserer Industrie – liegt seit inzwischen 40 Monaten ununterbrochen im negativen Bereich. Für viele Unternehmen ist die Lage inzwischen äußerst angespannt. Investitionen werden zurückgestellt, Kurzarbeit soll Beschäftigung zunächst sichern. Doch je länger die Schwächephase anhält, desto schwieriger wird es, Arbeitsplätze zu halten. Deshalb sehen wir inzwischen einen zunehmenden Stellenabbau und mehr Insolvenzen. Klar ist: Ein zu hoher Tarifabschluss würde den Kostendruck weiter erhöhen und den Abbau von Arbeitsplätzen zusätzlich beschleunigen.
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Welche Sorgen prägen am stärksten die Stimmung unter Ihren Mitgliedsunternehmen auf der Ostalb?

Der internationale Wettbewerbsdruck hat sich erheblich verschärft. Viele Standortnachteile können nur politisch angegangen werden – dafür setzen wir uns mit Nachdruck ein. Aber auch die Lohnhöhe ist ein wesentlicher Bestandteil der Kostenstruktur, und dafür tragen wir als Tarifparteien selbst die Verantwortung. Gerade in Ostwürttemberg ist das von besonderer Bedeutung: Bei vielen Unternehmen liegt der Personalkostenanteil zwischen 30 und mehr als 50 Prozent, während er bei einem Automobilhersteller typischerweise nur bei etwa 16 bis18 Prozent liegt. Für die Betriebe in der Region haben Arbeitskosten deshalb ein besonders großes Gewicht. Wie könnte sich das Ergebnis der Tarifrunde langfristig auf die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts auswirken? Wir wollen zukunftsfähige Strukturen und Arbeitsplätze in der Region erhalten. Doch für eine wettbewerbsfähige Produktion am heimischen Standort fehlen den Unternehmen zunehmend tragfähige Geschäftsmodelle. Weitere deutliche Steigerungen der Arbeitskosten würden ihre Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächen. Zugleich ist der technologische Vorsprung gegenüber anderen Ländern kleiner geworden. Deshalb können sich auch die Löhne nicht mehr nach den Maßstäben früherer Jahre entwickeln.
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Tarifverhandlungen

Vor dem Auftakt der Tarifverhandlungen in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie am 7. Oktober sind die Fronten verhärtet. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit, um die Kaufkraft der rund 900.000 Beschäftigten zu sichern. Dazu verlangt sie verbindliche Perspektiven für Arbeitsplätze und Standorte sowie eine tarifliche Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich gut aufgestellten Betrieben. Südwestmetall nennt die Lohnforderung „realitätsfremd“. Angesichts der Krise müssten die Kosten sinken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Verband warnt vor einem „weiteren Kahlschlag beim Personal“.

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